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PLE 11 - Glaube & Wissenschaft in der Psychiatrie

RAPHAEL M. BONELLI
Freitag
17.00-17.30
Aula Magna
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Im Vergleich zu seiner gesellschaftlichen Bedeutung wird der Faktor Religiosität in der medizinischen Forschung vernachlässigt. Anhand der vorhandenen qualitativ hochwertigen Studien soll in diesem Vortrag der Zusammenhang zwischen Religiosität und psychischer Krankheit untersucht werden. Während für eine Reihe von psychiatrischen Erkrankungen (wie Demenz, Schizophrenie, Manie, Essstörungen, Sexualstörungen und Persönlichkeitsstörungen) praktisch keine methodisch ausgereiften Studien vorliegen, ist für andere die Evidenz schon ausreichend, um eine Aussage zu treffen (Suchterkrankungen, Depression und Suizid), und für eine dritte Gruppe ist zwar einiges Material vorhanden, aber die Datenlage reicht noch nicht zu einem Urteil (Angststörungen, Zwangsstörungen).

1. Zwischen Religiosität und dem Missbrauch psychotroper Substanzen finden sich negative Korrelationen. Dementsprechend ist die Prävalenz für Alkoholabhängigkeit bei regelmäßigen Kirchgängern sowie Angehörigen bestimmter Religionsgemeinschaften signifikant niedriger als bei anderen Personen. Die von Kendler et al. (2003) gefundene allgemeine Risikoreduktion von Suchterkrankungen (Alkohol, Nikotin, Tabletten, Drogen) durch Religiosität findet sich durchgängig in fast allen durchgeführten Studien.

2. Religiosität scheint tendenziell mit geringerer Depressivität einherzugehen. Vor allem nach kritischen Lebensereignissen kann sich Religiosität als hilfreiche Ressource erweisen, sich allerdings auch negativ auswirken: Während intrinsische Religiosität und konstruktive religiöse Bewältigungsformen (Wahrnehmung menschlicher wie auch göttlicher Hilfe, bewusste eigene Auseinandersetzung) Depressivität entgegenwirken, korrelieren extrinsische Religiosität und negatives Coping (Vorwürfe gegen Gott, Vermeidung von Auseinandersetzung) mit einer erhöhten depressiven Symptomatik. Auch in Deutschland ließ sich eine höhere Depressivität bei extrinsisch Religiösen gegenüber gar nicht Religiösen wie auch intrinsisch motivierten Hochreligiösen zeigen. Intrinsisch motivierte Religiosität scheint die Remission von depressiven Episoden zu erleichtern, während bei zunehmendem Schweregrad depressiver Störungen auch religiöse Überzeugungen und Empfindungen abnehmen und eine emotionale Entleerung des Glaubens eintreten kann (Klein & Albani 2007).

3. Im Zusammenhang mit geringer Depressivität steht auch eine niedrigere Suizidalität bei konfessionell Gebundenen bzw. religiös Aktiveren. Es gibt heute eine starke Evidenz, dass depressive religiöse Patienten aufgrund einer niedrigeren Aggression und höherer moralischer Bedenken vor Selbstmordgedanken, Selbstmordversuchen und dem tatsächlichem Selbstmord geschützt sind, wobei weniger die konkrete Religionszugehörigkeit als vielmehr das Ausmaß der Religiosität eine Rolle spielt (Dervic et al. 2004). Dieses statistische Faktum lässt natürlich keinen Schluss auf den jeweils konkreten Patienten zu: Ein protektiver Faktor ist keine Garantie.

Zusammengefasst scheint Religiosität sowohl für Suchterkrankungen als auch für die Depression und den Suizid ein protektiver Faktor sein. Das behutsame, wertschätzende Einbeziehen der Religiosität des Patienten in die Psychotherapie erscheint ratsam.

 
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