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PLE 06 - Psychopathologie der Schuld: Wie frei ist der Mensch?

REINHARD HALLER
Freitag
09.30-10.00
Aula Magna
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Die seit Jahrhunderten von philosophischer, theologischer, juristischer und naturwissenschaftlicher Seite geführte Determinismus-Indeterminismus-Kontroverse ist vor dem Hintergrund aktueller neurobiologischer Forschungsergebnisse neu entbrannt. Wenn sich Geist und Bewusstsein innerhalb bekannter physiologischer, physikalischer und chemischer Gesetzmäßigkeiten vollziehen und Wollen, Denken und Verhalten von dem dem bewussten Ich nur schwer zugänglichen limbischen System gesteuert werden, wäre eine Freiheit des Willens nicht möglich. Da Freiheitserlebnis und -bewusstsein Voraussetzung jeglicher Schuld ist, können nach diesen Thesen kriminell handelnde Menschen für ihr Tun nicht verantwortlich gemacht werden. Deswegen seien Begriffe wie Schuld und Willensfreiheit nach Meinung mancher Hirnforscher funktionslos und jener der Zurechnung falsch. Das Schuldprinzip im Strafrecht, nach welchem keine Strafe ohne Schuld und keine Schuld ohne das Erlebnis des Anderskönnens möglich sei, müsse aufgegeben werden. Dieser Kritik des freien Willens durch die Hirnforschung wird von philosophischer und juristischer Seite heftig widersprochen, da die Neurobiologie nicht über die Mittel verfüge, psychologische Phänomene wie Wille, Kritik- und Urteilsvermögen zu erfassen. Das Gehirn sei der falsche logische Ort für Ideen wie Freiheit oder Unfreiheit und das letzte Bewusstsein könne nicht auf ein „Bereitschaftspotenzial des Gehirns“ reduziert werden.

Da Phänomene wie Willensfreiheit und Intentionalität nur subjektiv wahrnehmbar sind, muss das Strafrecht den Menschen so sehen, wie er sich selbst erlebt, nämlich als Wesen, das auch anders handeln kann. Den zwei Extremszenarien von hundertprozentiger Determinierung und völliger Akausalität kann die Hypothese der relativen Determinierung durch krankheits- oder persönlichkeitsbezogene Faktoren entgegengesetzt werden. Die Handlungsspielräume des Täters werden mit jenen einer durchschnittlichen Person oder – aus intraindividueller Perspektive – mit früherem Verhalten in einer ähnlichen Situation verglichen.

In einem modernen Ansatz wird der Wille einer Person dann als selbstbestimmt und damit als frei anerkannt, wenn zwei Prinzipien erfüllt sind: Jenes der Autonomie, das die Abwesenheit von äußeren und (pathologischen) inneren Zwängen fordert und jenes der Urheberschaft, das den freien Willen an personale Präferenzen, die nicht durch schwere psychische Störungen beeinträchtigt sein dürfen, bindet. Die Aufgabe der forensischen Psychiatrie, die heute Willensfreiheit grundsätzlich voraussetzt, liegt darin, Störungen zu definieren, durch die die Einsichts- und Willensfähigkeit aufgehoben sein können.

Die Thesen der vollständigen neurobiologischen Determination jeglichen Verhaltens sind weder empirisch gesichert noch durch klare kausale Verknüpfungen belegt. Sie sind nicht geeignet, dem Prinzip persönlicher Schuld die Grundlage zu entziehen. Wenn der innere Grund des Schuldvorwurfes darin gesehen wird, dass der nicht von seelischen Behinderungen und psychotischen Störungen erfasste Mensch darauf angelegt ist, im Bewusstsein der Freiheit handeln und sich schuldhaft verhalten zu können, ist das neue neurobiologische Menschenbild mit dem Prinzip der persönlichen Schuld vereinbar.

 
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