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PLE 04 - Religiosität und Vernunft

FRANZ LACKNER
Donnerstag
18.00-18.30
Aula Magna
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Die dialogische Vernunftkonzeption ist nicht Errungenschaft der Religionskritik, sondern Frucht einer großen Begegnung. Geschichtlich konkret ereignet sich diese Begegnung im okzidentalen Raum und zwischen zwei sehr verschiedenen Verständnisweisen von Dasein in der Welt. Auf der einen Seite steht das Christentum, das sich dem einmaligen, so nicht wiederholbaren Sprechen Gottes durch Offenbarung verdankt. Auf der anderen Seite steht die Rationalität der griechischen Antike in der besonderen Gestalt aristotelischer Wissenschaftstheorie.

Lange Zeit liegen Glaube und Vernunft, Gebet und Denken im Widerstreit, bis ein gegenseitiges Verständnis erreicht ist, das reiche Früchte zeitigt. Vor allem wird eine neue Sicht des Menschen gewonnen. Menschliches Dasein wird fortan nicht mehr als ein Gattungsgeschehen oder in gänzlicher Abhängigkeit von Gott her gesehen, sondern es wird in seiner existentiellen Tiefendimension und Eigenständigkeit erkannt. Was unreflektiert dumpf menschliches Dasein immer schon bestimmte, kommt dadurch zu reflektierter Bestimmtheit.

Der Mensch erkennt seine Würde, nicht „was“ er ist, sondern „wer“ er ist. Diese Würde hängt nicht von Herkunft oder Zugehörigkeit ab. Die Würde ist absolut. Sie ist aber auch Auftrag, der nicht leicht zu erfüllen ist. Fortan wird der Mensch aufgrund seiner Einmaligkeit und Einzigartigkeit in keinem noch so guten System wirklich ganz zu Hause sein. Der Mensch hat ein exzentrisches Wesen, das immer schon über ihn hinausweist. Der Mensch ist von seinem Ursprung und Wesen auf Glaube und Vernunft verwiesen. Nur von diesen beiden Grundweisen des Daseins ist Tiefe und Weite menschlicher Existenz zu verstehen. Nur von diesen beiden Ursprüngen her kann dem Menschen in den schwierigen Phasen seines Lebens auch geholfen werden.

In der Neuzeit wurde vor allem die religiöse Dimension menschlichen Lebens vernachlässigt. Nach dem „Tod Gottes“ wurde aber alsbald auch der Tod des Subjekts verkündet.

Für nicht wenige Menschen ist das Leben heute zur Last geworden. Hilfe ist geboten! Hilfe kann geleistet werden durch erneute Ernstnahme der zweifachen Dimension menschlicher Existenz. Denn der Mensch ist ausgespannt zwischen Gnade und Natur, zwischen Gott und Welt. Diese Spannung macht sein Leben aus.

Glaube und Vernunft müssen für unsere Zeit neu bestimmt werden, soll ein Dienst am Menschen möglich sein.

 
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