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PLE 02 - Der Zeitgeist und seine psychischen Störungen

PETER HOFMANN
Donnerstag
16.30-17.00
Aula Magna
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Allemal hören und lesen wir, dass die Depression eine Volkskrankheit und auf dem besten Wege ist, innerhalb der nächsten Jahrzehnte in die Top 3 der häufigsten Erkrankungen der Menschheit aufzusteigen. Vielerlei Hypothesen wurden generiert, um diese Entwicklung zu erklären. Nicht nur die Depressionen stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit, sondern psychische Erkrankungen generell. Immer wieder werden gesellschaftliche Fehlentwicklungen für das Ansteigen psychischer Erkrankungen verantwortlich gemacht. Tatsache ist, dass die wissenschaftliche epidemiologische Datenlage dies nicht so eindeutig belegt. Die vorhandene Evidenz spricht eigentlich nur für ein Ansteigen bei den Demenzerkrankungen aufgrund des gesteigerten Lebensalters der Menschen in den industrialisierten Staaten und für ein Ansteigen der Suchterkrankungen, wobei da vor allem das Phänomen zu beobachten ist, dass die Betroffenen immer jünger werden und mittlerweile beide Geschlechter relativ gleich betroffen sind. Das heißt also, es muss recht kritisch dem allgemeinen Abgesang zum Niedergang der Menschheit aufgrund psychischer Störungen entgegengetreten werden und genau jene Bereiche müssen fokussiert werden, wo tatsächlich höchst problematische Entwicklungen ihren Lauf nehmen.

Gerade hier ist es tatsächlich so, dass Zeitgeistströmungen und Menschheitsentwicklungen hoch relevant sind in der Entwicklung von psychischen Störungen und auch dafür verantwortlich sind, dass bestimmte psychische Störungen in der Epidemiologie zunehmen. Aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung, die sehr viel mit Zeitgeist zu tun hat, nämlich mit besseren Arbeitsbedingungen, sozialer Sicherheit, ausgewogener Ernährung etc., kommt es parallel zum explodierenden Problem des rasanten Wachsens der Gruppe von dementen Patienten, vor allem von Alzheimerpatienten. Hier ist es also so, dass eine erfreuliche gesellschaftliche Entwicklung hoch problematische Erfolge zeitigt. Es gibt aber zahlreiche negative Entwicklungen wie das Diktat des Kapitals, Sexualisierung/Pornographisierung der Gesellschaft, Bürokratisierung, Verrechtlichung, Schnelllebigkeit, Individualisierung/Solipsismus, Mediendominanz/Reizüberflutung, Kriege, Katastrophen und vor allem Anstieg der globalen Armut. Hier gilt es die Entwicklungen klar zu erkennen, abzugrenzen und Gegenstrategien zu entwickeln. Diese reichen von erhöhten Anstrengungen im Bereich des professionellen Therapieangebotes bis hin zu Öffentlichkeitsarbeit, politischen Schwerpunktsetzungen, gesteigerten Forschungsinitiativen, aber natürlich auch zu einem generellen Umdenken in Wertefragen in zahlreichen Bereichen unserer Gesellschaft.

 
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